11. Januar 2017 — Demagogie

Neulich, im Copycenter oder Copycatcenter: Da standen sie, die versammelten Rechten, und kopierten, was das Zeug hielt, kopierten und kopierten, was andere in Farbe hergestellt hatten, kopierten schön billig in Schwarzweiß. An der 1 pausten die Autonomen Nationalisten die Farbbeutel und den Schwarzen Block der Antifa ab, an der 2 die Skinheads die Protestformen der britischen Arbeiter, an der 3 standen Martin Sellner und Lenny Scheinbaum mit dem Heftchen What Was The Hipster?, an der 4 waren immer noch die Nazis zugange, die Originalnazis, die selbst nur Kopien der kommunistischen Kämpfer*innen der 30er herstellten und, nachdem sie sie hergestellt hatten, auch WAREN. Und wir – die wir ein bißchen ’68 kopieren wollten – mußten warten, weil sie immer weitermachten und weitermachten und weiter. Und meine Freunde, die MiMiMis,1 fragten den dürren Typen an der Kasse, wer denn an der 5 sei, denn auch da stoppte der Kopienzähler nicht, auch da wurde nachgemacht wie blöd. Und der Dürre so: Ich glaube, da stehen noch die Lesben gegen Linke. Oder die Hacker für Höcke? Vielleicht aber auch die Rechten, die regelmäßig zu Rancière referieren. In jedem Fall kopieren sie den Text einer verschollenen Tragödie, die ein Revival erleben soll, und der Text ist ewig lang, weil die Tragödie Jahre dauern wird, Jahrzehnte, Jahrhunderte, zehn Jahrhunderte. Oh, ich glaube, es beginnt schon, pscht!

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Mode in der postdemokratischen Gesellschaft, ca. 2011. — Deutschenhygienemuseum Dresden.

Erster Akt: Das große Aufwachen.
Dieses große, unbekannte Land liegt im Dornröschenschlaf, eingelullt durch Bertelsmanns DU BIST DEUTSCHLAND, durch das sogenannte Sommermärchen, durch Schreckensmeldungen aus der Weltwirtschaft und Jubelnachrichten vom Exportüberschuß, zuvor noch schön fettgefüttert mit Bioschweinshaxe und dann, im Schlummer, geerntet/gekürzt durch Merkels Konsens-Sense. Konflikte: weggesenst, Nutzen aller: maximiert, Komplexität: durch Facebook und Google auf ein Minimum reduziert, Solidarität: als unzulässig, unlässig und lästig deklariert. So können alle träumen. Im Traum wohnen alle Dornröschens auf dem Lande, voller Lust, zwischen 50er-Jahre-Ästhetik und 00er-Jahre-Komfort, zwischen Wenn die Heide blüht und iPod, manche nur im einen, manche nur im anderen Universum, manche in beiden. Hauptsache, unanstrengend. Der ganze erste Akt der Tragödie besteht aus diesen Biedermeierjahren, in denen alle mehr zu marktkonformen Demokraten werden denn zu demokratischen Bürgern. Im Hintergrund wird noch schnell das Berliner Stadtschloss auf den Prospekt gepinselt, und wenn wieder einer der Maler herunterfällt und verendet, schreiend, zuckt Dornröschens Augenlid ein, zwei, drei Mal. Auf einmal legt sich ein Schatten über den Körper des schlafenden Prinzeßchens, und der Prinz namens VOLLK, bei Kind und Greis beliebt wie sonst niemand, beugt sich über das unglückliche Kind und küßt es wach. Und alle so: Endlich passiert mal wieder irgendwas!

Zwischenakt: Vor dem Vorhang werden alle Spielshows der alten Bundesrepublik und der DDR wiederbelebt, alle durcheinander, samt Glücksrad UND Unglücksrad, moderiert von Ulf Poschardt oder einem anderen der Pop-Ideologen, die sich selbst nicht zur Elite zählen, weil sie ja POP sind. [Wofür Pop steht, will niemand wissen.]

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Sie sind das VOLLK! — L. Bachmann

Zweiter Akt: Oh, the hypocrisy.
Die Dekoration im Hintergrund ist schon auf das Schlimmste eingestellt: Minarette, die höher hinausragen als die Kreuze der Kirchen. Und die Glocken sind auch nicht mehr so laut, wie sie noch nie waren. Höret den Muezzin. Höret das Echo von 1683! Höret unser Angstgezitter, unser Wutgewitter!
Es reicht.
Auftritt der Versprechungen und Verführungen und VerFührer. Die sagen: Der öffentliche Raum ist verschwunden. Und wenn Muslime auf der Straße beten, da sie zu blöd waren, sich eine Moschee zu bauen – was sie zum Glück nicht mehr dürfen –, dann werden wir ja wohl noch einschreiten können, gegen diese Besetzung, das erinnert an die Nazis und ihre Besatzung, das kann nicht angehen, daß jemand den öffentlichen Raum wieder als öffentlich nutzt, statt ihn nur der Wertschöpfung zu überlassen, den Maklern und den Malls.
Auftritt der Versprechungen und Versuchungen und Verspruchungen.2 Das Volk bezieht Stellung. Aber nur im militärischen Sinn. An den Schießscharten: die Dichter des Exhibitionismus. Sie verlesen ihre Werke beim Petry-Slam. Sie lesen: Wir sind KULLTUR. Wir sind nun mal eine KULLTURELLE Gemeinschaft, ein KULLT, ohne Veränderungen oder Verwandlungen, samt Wesenskern und sehr, sehr rotem Faden. Huch! Mir schaudert. Ja, Kultur ist eben Unbehagen. Und deshalb ist das Volk besser nur auf den Wahlplakaten kulturelle Gemeinschaft. Außerhalb der beredten Plakate und der plakativen Reden ist das Volk vor allem eine Gemeinschaft wirtschaftlicher Subjekte, die alle für sich einstehen und denen in diesem Für-sich-Einstehen „die Lieblosigkeit von der Wurzel aus anhaftet[ ]“.3 Und das eint sie. Und das reicht, um zu brüllen, man selbst sei eben, was man sei. Das Volk ist NICHT die Gesellschaft, ist NICHT ein Publikum, das sich darüber findet, daß es sich als zusammengehörig empfindet. Es gab sie eben nie, die Gesellschaft.
Ich bin das VOLLK, sagt der Prinz, doch jetzt werde ich König, und als König wechsle ich in den Pluralis Majestatis, und was ich dann sage, könnt ihr euch denken. Doch unsere größte Furcht, unser größter Alptraum, unsere größte Nemesis bleibt, die Frage, die am Grunde meines, ähäm, unseres Seins rumort:

Wer würde es merken, wenn es gar kein Volk gäbe?

— Niklas Luhmann

Zwischenakt: Ein geselliges Mahl mit dem Publikum. Es wird Schweinefleisch gereicht. Schon die abgehackten Sauköpfe vor den Türen des Theaters sollten ja alle abwehren, die nichts zu suchen haben, im Nationaltheater. Frei der Gefährdungen und der Gefährder wird gepraßt. Dazu Musik plus Tanz. Begrüßen Sie das AfD-Fernsehballett.

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Great Barrier Reef, sichtlich ohne Korallenbleiche. — L. Riefenstahl

Dritter Akt: Die Evakuierung des Authentischen.
Zu Gast in der parapolitischen Welt der Paranoia. Hier jagen gleich zwei Höllenwesen die armen Geplagten: die REALITÄT und die FANTASIEN. Wir brauchen die Versöhnung beider, ihre Mischung, brauchen wieder das ECHTE.
Auftritt der muslimischen oder ex-muslimischen Islamkritiker*innen, sie sind ganz und gar authentisch. Also ist auch egal, was sie sagen. Die guten Migranten ziehen über die schlechten her. Nein. Fallen über sie her. Die MiMiMis sollen sich schnell in die Guten und die Schlechten sortieren. Gehört ihr zu uns? Nee. Denn die guten Migranten sind eher gut als Migranten. Sie bilden Legenden. Sie bilden das Volk mit durch diese Legenden. Sie lassen sich beim Legendenbilden beobachten, protokollieren, bejubeln, aber nicht erwischen.
Aber, aber, sagt die alte Linke, also: die Linke, die noch nicht nach rechts gerückt ist und auch noch nicht national eingefärbt. Sind das nicht alles nur soziale Probleme? Also bitte, laßt uns doch wieder mehr Sozialstaat machen, täte uns allen gut. HAHA!
Die einen denken noch, sie könnten die anderen wieder aus der rechten Ecke hervorlocken, wenn sie mit genügend Leistungen wedeln. Die anderen aber denken gar nicht an den Sozialstaat, sie denken daran, daß sie selbst leistungsstark sind oder optimiert werden wollen, sie denken, sie selbst unterstützen sich am besten, und wer das nicht kann, ist nix wert.

Zwischenakt: Seminar für alte Dramatik. Klassische deutsche Stücke werden so inszeniert, daß sie zur Identifikation mit unserem Land anregen, aber bitte nicht mit dem Land, wie es IST, sondern wie es sein soll. Fiction creates more fiction.

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Hinterm Vorhang geschützt: der Verfassungsschutz. — U. Mundlos

Vierter Akt: Silencio. Der Prozeß gegen Beate Zschäpe in München. Es ist nur zu hören, was sie sagt. – – – – – – – – … … … … … … – – – – – – – – – – – – – – […] – – – – … … … – – – –– – – – – – – – … … … … … … – – – – – – – – – – – – – – […] – – – – … … … – – – –!
Sie sagt sehr lange nichts. – – – – – – – – … … … … … … – – – – – – – – – – – – – – […] – – – – … … … – – – – – – – – – – – – … … … … … … – – – – – – – – – – – – – – […] – – – – … … … – – – – – – – – – – – – … … … … … … – – – – – – – – – – – – – – […] – – – – … … … – – – – !!! – – – – – – – – … … … … … … – – – – – – – – – – – – – – […] – – – – … … … – – – –? – – – – – – – – … … … … … … – – – – – – – – – – – – – – […] – – – – … … … – – – –.
Also hört das Publikum eben sehr lange nichts. … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … […]
Hört WIRKLICH nur Schweigen. [Nehmen Sie das, Frau Jelinek!] – – – – – – – – … … … … … … – – – – – – – – – – – – – – […] – – – – … … … – – – –? – – – – – – – – … … … … … … – – – – – – – – – – – – – – […] – – – – … … … – – – –. … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … …
Doch die Medien schreiben. Die Medien schreiben und schreiben. Die Medien schreiben, wie die Angeklagte ihr Haar über die Schulter wirft und in gewalttätiger Weise ordnet.

Zwischenakt: Entfällt. Siehe: Budget [aufgeraucht], Geduld [aufgebraucht].

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The illusion that the act of viewing is to make alteration of the visible is OVER! — die Autorin

Fünfter Akt: Erbrochene Wirklichkeit. Willkommen im Gauland, 2021. Verschlossen die Eingänge der Theater. Bretter, Nägel, Stacheldraht oder Strache-Draht. Das Drama findet woanders statt. Die Bühnen: leer, das Staatstheater: bankrott. Alle tummeln sich ganz woanders, dort, wo die Performance aus anderen Ingredientien besteht, aus Schnapsglas und Familienfoto entsteht. Eine einzige Familie, ein einziges Foto. Doch wo ist es, das Foto? Alle wollen es sehen, alle wollen ihren Schnaps trinken und noch nen Schnaps trinken und noch einen und dann das Foto sehen. Wo zum Teufel ist das Foto? Schon wieder weg? Wurde dieses Foto denn immer gerade eben verloren? Wer hält es in der Hand? Wer spricht zu ihm? Ich spreche nicht zum Volk, sondern zu diesem Foto vom Volk, aber ich bin mir sicher, es hört mich. Doch es spricht nicht zurück. Nur mit vielen Stimmen, so vielen, das kann ich nicht hören. Das Volk als Prozeß? Nein, niemals, nicht mit mir! Das Volk ist das Volk ist das Volk ist legendär das Volk ist Legende ist die Legende vom Volk ist das Volk ist das Volk ist das Volk ist legendär ist die Legende vom Volk ist das Volk vom Volk. Noch mal von vorn: Das Eigene ist das Eigene ist das Eigene ist, was uns gehört, ist das Eigene ist, was wir sind, ist das Eigene ist, was uns gehört und wir sind, ist das Eigene ist das Wir und das Eigene ist das Eigene.
MEINE FRESSE!
Wann ist das vorbei? Wann ist das WIR wieder am Ende? Und wie kann ich die Unterbrechung offenlegen zwischen diesem erhabenen WIR und mir ganz profanem ICH? Kann ich nicht mich hochrechnen und daraus etwas bilden, das kollektiv ist, ohne gleich Nazion spielen? „Wie kann das Wort Ich einen Plural annehmen […] wie kann ich von einem anderen Ich als dem meinen sprechen?“4 Ich weiß es nicht. Es ist so anstrengend, sich zu pluralisieren.
Bitte. Wenn du es nicht willst, nicht schaffst, nicht willst, was du schaffst, und nicht schaffst, was du willst, lehn dich zurück und laß ihnen freien Lauf, den heißen, den kalten, den lauwarmen Tränen, den launigen Tränentränen. Und sag dir:

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  1. Mitbürger mit Migrationshintergrund! [Samy Deluxe] 

  2. diverse Twitter-Accounts  

  3. Max Weber: Die Wirtschaftsethik der Weltregligionen

  4. Maurice Merleau-Ponty: Phänomenologie der Wahrnehmung, Berlin 1966, 399f. 


Jörg Albrecht — geboren 1981 in Bonn, aufgewachsen in Dortmund, lebt in Berlin. Er schreibt Prosa, Essays, Hörspiele sowie Texte für Theater und Performance, u.a. für sein Theaterkollektiv copy & waste. Jörg Albrecht ist Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland.

→ http://fotofixautomat.de