blühende landschaften - wir werden sie jagen

27. September 2017 — Demagogie

vielleicht sollte man sich wieder mit dem gespenst beschäftigen, vielleicht gerade jetzt, denkt sich ein chor, während er etwas erschöpft durch den immerwiederkehrenden deutschen herbst läuft. und immer wieder das gleiche: keine blühenden landschaften mehr, wo sind die denn bloß hin? diese blühenden landschaften, die einst versprochen wurden? blühende landschaften und leuchtende wiesen wurden doch versprochen. jetzt sieht der chor wie immer nur all das laub, das über den boden weht, verlassene bahnhöfe, verschlossene türen, vergessene wege, verschlossene hauseingänge, unbewohnte mietshäuser, zerschlagene fassaden, jedes jahr das gleiche, denkt er sich, der chor und abgerissene wahlplakate hängen da auch noch an der wand, an der der müde chor vorüberspaziert. vielleicht sollte man sich einfach wieder mit dem gespenst beschäftigen, wann auch immer dieses jetzt einmal gewesen sein wird, wann auch immer dieses jetzt einmal stattgefunden haben wird, denkt sich ein chor, dem gerade die worte fehlen, weil er müde ist, immer wieder die gleichen probleme in immer wieder der gleichen leier anzukreiden, weil er müde geworden ist, dieser chor, immer wieder und immer wieder dabei zuzusehen, wie immer und immer wieder, seit es chöre gibt, man sich mit den gleichen problemen, mit den gleichen flachpfeifen, denkt er sich, der chor, herumschlagen muss. immer der gleiche blödsinn, hoffnung als marketingtool für den stimmenfang missbraucht. die abrechnung folgt erst in der nächsten generation. vielleicht also doch mit dem fluch sich beschäftigen, der diese blühenden landschaften heimsucht. mit dem fluch und mit dem gespenst, das wieder und wieder und wieder und immer wieder durch diese blühenden landschaften zieht, die ja eigentlich noch nie wirklich geblüht haben, nur im sommer kurz einmal, denkt sich der chor, aber das erzählen sich alle hier nur unentwegt, keiner weiß tatsächlich, ob das wirklich einmal so war, weil sich keiner mehr wirklich daran erinnern kann, an diese zeit, die heute so fremd erscheint.

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Wahlplakat der CDU, 1998 — Archiv für Christlich-Demokratische Politik (ACDP)

all die gespenster hier, die durch die straßen schwärmen, denkt sich der chor, während er weiter durch die verwelkenden landschaften spaziert, über all diese gespenster könnte man jetzt eigentlich reden, und man könnte jetzt wieder über den rechtsruck - könnte man. oder über den neoliberalismus, könnte man. oder über den imperialismus, der sich heute liberal nennt, und mit plakaten, werbetafeln und bomben wild um sich schmeißt, bis das eine nicht mehr vom anderen, könnte man. man könnte über die vergessenen und über den osten, könnte man. man könnte über geschichtslosigkeit, posthistoire, den ausverkauf der kommunen, der innenstädte, die neue schere zwischen arm und reich, die abgehängten, die zurückgelassenen, die enttäuschten, die man wieder zurückgewinnen muss, über all diese dinge könnte man, denkt sich der chor, der durch die welkenden landschaften irrt, immer weiter vom weg abkommt, mit seiner letzten stange zigaretten, weil er eigentlich längst zum rauchen aufgehört hat. darüber könnte man. über all das könnte man, und es wird auch andauernd, über all das wird auch andauernd und ewig wird darüber und wiederholte male und immer und immer und immer wieder wird darüber, gute güte! denkt er sich der chor, wir haben darüber doch schon so oft, denkt der sich, und wir haben keine lust mehr, immer und immer und immer und immer und immer wieder über die alternativlosigkeit, über ideenlosigkeit und zukunftslosigkeit, wir haben einfach keine lust mehr, denkt sich der chor und raucht heimlich seine stange weiter.

und vielleicht müsste man stattdessen vom gespenst, nämlich von dem, das immer kommen wird, das immer durch europa spaziert, neben den chören gibt es immer die gespenster und über die müsste man doch eigentlich, weil den geistern die zukunft gehört.

aber da hört der chor schon durch die stille herauf ein paar schreie, mitten in den verwelkenden landschaften hört der die:

wir werden sie jagen, wir werden sie jagen, wir werden spazierenmarschieren, wir werden sie hinausfegen! und immer wieder denkt sich der chor, seit jahrtausenden endet alles hier gleich, immer wieder, und immer wieder die gleiche leier und immer wieder die gleichen erklärungen und immer wieder die gleichen geschichten - ist das nicht das problem, der ewige gleichförmige loop der ausweglosen gegenwart, und die billige ironie, der schlechte zynismus als pfand für all die alltäglichen, kleinen verdrängungen, die sich im körper ablagern, die den körper heimsuchen, und vielleicht ist es gerade jetzt wieder wichtig über das gespenst und über das erbe, aber der chor hört sich kaum denken, weil die schon wieder schreien: und wir werden uns unser volk und unser land zurückholen!

und der chor, denkt sich, während er die letzte stange raucht, nur, dass sich da jemand geschnitten, dass da jemand etwas nicht so richtig verstanden. nein, wir werden sie jagen.

durch die verwelkenden landschaften werden wir sie jagen, und nicht umgekehrt. wir werden sie hinausfegen aus diesem kontinent für immer, ins mittelmeer werden wir sie werfen, wir werden sie mit nelken bewerfen und unsichtbar ihre wege blockieren, wir werden ihre abgründe offenlegen, wir werden ihnen jamben entgegenschleudern, wo sie vor hass sprühen und wir werden uns unbewaffnet und schweigend auf allen straßen dieser erde ihnen entgegenstellen und scheiß auf die blühenden landschaften, die eh nie jemand wollte, wir werden sie jagen, und kein volk der welt werden sie von uns kriegen, weil wir keines sind, nie eines waren, denkt sich der chor, nie eines sein wollten, denkt sich der chor, wer um himmels willen will denn das überhaupt, denkt er sich, ein volk, wer will denn bitteschön so ein volk um himmels willen, wer will denn so ein land, denkt er sich und nein, scheiß auf die blühenden landschaften, durch die jetzt nur wieder die verwelkten zombies geistern, diese verdrängten gespenster, die unter diesen leuchtenden wiesen immer schon begraben waren, und scheiß auf deren volk und scheiß auf deren land, denkt er sich, und wir werden sie jagen, wir werden ihnen rosen streuen, wo sie leichen sehen wollen, wir werden ihre argumente durch den kakao ziehen, wir werden ihre rhetorik vorführen und ins lächerliche werfen und wir werden sie mit theaterblut übergießen und mit glitzer bewerfen, wir werden ihnen goldene decken umhängen, wenn sie in reih und glied aufmarschieren wollen, wir werden ihnen keinen einzigen zentimeter, nicht einen tausendstel milimeter werden wir ihnen, weil wir sie jagen werden, und heimsuchen und verfolgen, und sie überwachen werden auf schritt und auf tritt und wo auch immer sie aufmarschieren, werden wir ihnen im weg stehen, im aufzug, auf den treppen, in den ubahnen, auf fahrradwegen, auf autobahnen, in clubs und taxis, auf kreuzungen und autobahnraststätten, in internetforen und in billigen kaschemmen, in rotlichtvierteln, auf flohmärkten, auf bahnhöfen und in den hinterzimmern gescheiterter mittelständlerischer träume, werden wir sie heimsuchen. in kinos werden wir ihnen von hinten ins ohr flüstern, wir werden dich jagen, wir werden dir keine ruhe lassen, wir werden deinen sexistischen scheiß, deine rassistischen entgleisungen, deinen populistischen dreck, deine nationalistischen alpträume, deine bullshit-hate-speech-rhetorik, deine alte-abgehängte-männer-vision von einem volk und einem land voller zombies auf blühenden wiesen werden wir dir nicht durchgehen lassen und wir werden dich nerven, rund um die uhr, darauf kannst du gift, wir bitches und freaks, wir werden dich in deinen alpträumen aufsuchen und dich wachschreien, wir werden dich jagen, wir werden dich hetzen, wir werden dich treiben, wir werden dich hinausfegen, wir werden ihnen keinen zentimeter, nicht einen zentimeter dieses bodens, nicht einen einzigen, wir werden ihnen auf dem kopf herumtanzen, und wir werden keine angst, nicht im ansatz, müde vielleicht, weils immer anstrengend ist mit idioten zu sprechen, aber angst? nicht die geringste, weil wir die geister und gespenster sind, immer schon gewesen sind, denkt sich der chor, denen die zukunft gehört, und keinem volk und keinem land gehört hier irgendeine zukunft, ganz im gegenteil, vom volk und vom land, von der nation und von der republik wird man sich irgendwann einmal erzählt haben, wie von einer untergegangenen zivilisation und dabei auf die gräber und die schützengräben zeigen und die passbehörden und auf die grenzzäune, die dann nur noch im wind wackeln, während kühe an ihnen vorbeispazieren, und wir werden sie jagen, jeden einzelnen von ihnen werden wir vor uns hertreiben, bis sie nicht mehr können und warm anziehen, denkt sich der chor, warm anziehen können die sich jetzt in ihren verwelkenden landschaften, durch die wir sie noch eine lange zeit jagen werden, wenn nötig, auch wenn das erst einmal nach viel arbeit klingt, denkt sich der relativ erschöpfte chor, aber gut, wie sagt sich der chor oft, chöre wurden ja nun einmal nicht dazu geschaffen, einen nebenjob zu erledigen, sondern um das unmögliche zu schaffen, denkt er sich, während er durch die verwelkenden landschaften spaziert mit der letzten stange zigaretten in den händen (die allerallerletzte, versprochen!) und sich die anoraks zumacht, weil es wieder ein bisschen kälter geworden ist.

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Die 17-jährige spanische Widerstandskämpferin Marina Ginestà am Dach des Hotels Colón in Barcelona, 21. Juli 1936. — Hans Gutmann


Thomas Köck — geboren 1986 in Oberösterreich, arbeitet als Autor, Film- und Theatermacher. Studierte Philosophie in Wien und an der FU Berlin sowie Szenisches Schreiben und Film an der UdK Berlin. Mit einem Dokumentarfilmprojekt über den libanesischen Bürgerkrieg eingeladen zu Berlinale TALENTS sowie nominiert für den Filmförderpreis der Bosch Stiftung. Konzipierte Lese- und Veranstaltungsreihen in Wien, Berlin und Mannheim. War Hausautor am Nationaltheater Mannheim und erhielt u.a. den Else-Lasker-Schüler-Preis, den Dramatikpreis der österreichischen Theaterallianz oder zuletzt den Kleist-Förderpreis.

→ http://www.suhrkamp.de/autoren/thomas_koeck_14263.html