05. April 2017 — Migration

So ein Blondschopf-Kopf, nein, so blond! So blond!

Nein – so blond! Und die Augen! So blau! Nein – so blau!

Aber das bleibt nicht. Sie sind ja auch nicht blond.

Ich sage: Weiß man nicht. Die Eltern sind beide blond.

Und sie: Ach, das sind gar nicht ihre?

Und ich: Das eine da schon.

Und sie: Sie schmücken sich also mit fremden Federn!

Mit den fremden Federn der blond-blonden Eltern schmücke ich mich. Weil mein Kind ja nicht rein blond. Der Vater wohl, aber die Mutter nicht blond ist. Die hat nur als Kind so getan als ob.

Ich schmücke mich auch mit den blond-blauäugigen Federn meiner Tochter. Ich bin ja nicht blond. Und blauäugig schon gar nicht. Und ich spreche auch nicht blauäugig-blond, sondern tschechisch. Und dann auch noch eine seltsame Mixtur aus verschiedenen deutschen Dialekten, die ich je nach Situation einsetze. Und das Tschechisch, das ich spreche – darüber müssen wir auch noch sprechen.

Und mit welchen Federn schmücke ich eigentlich den blonden Schopfkopf meines Kindes?
Mit tschechisch-deutsch-österreichischen? Mit tschechischen, deutschen und/oder österreichischen? Zwei von diesen drei Nationalitäten hat mein Kind offiziell gar nicht. Zwei von dreien, die wir haben oder hatten oder vielleicht wieder haben wollen.

Welche Sprache sprecht ihr noch? Welche Sprache sprecht ihr noch - nicht?

Welche Federn trage ich, die ich gar nicht tragen sollte? Darf ich überhaupt tschechisch sprechen mit meinem Kind? Bin ich tschechisch genug dafür? Bin ich überhaupt tschechisch? Oder sind das nur die Federn meiner Eltern, die ich irrtümlich immer noch trage?

Ich habe Mütter kennengelernt, die sich nicht trauen, ihren Kindern ihre Muttersprache beizubringen, weil sie finden, sie würden diese Sprache nicht gut genug sprechen. Besser blödes Tschechisch als gar keines, sage ich zu ihnen und mir, dass das Kompetenzvermittlung ist, wenn mein Kind mich Wörter in einem Wörterbuch nachschlagen sieht, die ich nicht kenne oder die mir nicht einfallen wollen.
Ich habe Mütter kennengelernt, die Angst davor haben, ihr Kind in ihrer Muttersprache, in der Muttersprache ihres Kindes, über den Spielplatz hinweg zu rufen. Du weißt ja, in welchen Zeiten wir leben, sagen sie.

Wird mein Kind einmal einen Nachteil haben, weil es „Mütze“ sagt statt „Haube“ und „Pipi“ statt „Lulu“? Und weil es manche Wörter auf der ersten Silbe be-tont? Wird man zu ihm sagen, es hätte einen Sprachfehler, weil es das „Zäpfchen-R“ und nicht das „Zungenspitzen-R“ sagt? Im Tschechischen gibt es für diesen „Sprachfehler“ ein eigenes Wort: ráčkovat.

Außerdem sagt es „Penis“ und „Vulva“ statt „Pimpi“ und „Mumu“.

Woher hat sie das denn? Woher hat sie diese Federn?

Ich war auch blond als Kind, sage ich und lege nach: Und der Ansatz, sehen Sie, der ist viel dunkler, die kommen dunkel nach, die Haare, und: im Sommer sind sie immer heller.

Ich will die Blondheit meines Kindes wegreden. Will sagen: Die ist gar nicht blond. Schauen Sie da doch mal genau hin. Und übermorgen. Schauen Sie übermorgen nochmal drauf. Mein Kind ist nämlich überhaupt nicht blond. Blauäugig schon - aber nicht blond!

Ich beobachte mich dabei, wie ich denke: Hoffentlich geht das weg. Hoffentlich bleibt das nicht. Ich war ja auch blond als Kind. Und mein Vater auch. Und jetzt haben wir dunkelbraune Haare. Dunkelbraun. Hoffentlich bleibt das nicht.

„Wer vergisst, wer er ist, der ist dumm“, sagt der Frosch zum kleinen ICH BIN ICH.

Für meine tschechischen Federn habe ich lange Zeit meines Lebens gekämpft. Ich habe gesagt: Ich bin aber AUCH tschechisch. Eigentlich bin ich nur, eigentlich bin ich AUSSCHLIESSLICH tschechisch. Das sieht man nur nicht. Aber ich bin es!

Aber hören tut man gar nichts. Das hätte ich jetzt niemals gedacht. Da hört man ja wirklich GAR NICHTS MEHR. Das hätte ich wirklich nicht gedacht. Also dass Sie nicht hier geboren sind, also – das hört man ja wirklich gar nicht.

Aber dass du kein Lavanttalerisch verstehst, sagt eine Oberösterreicherin zu mir, Zufallssteirerin, das liegt bestimmt daran, dass du nicht hier geboren bist.

Das österreichische Dialektkontinuum, denke ich, kriegt man gleich mit angeboren, mit den blonden Haaren. In den Kopf hineingeboren bekommt man das.

Die verstehen sich ja alle untereinander nicht, sagt mein deutscher Mann und dann machen wir alle drei ein Sprechkonzert mit dem Satz „Na geh heast, sei net so deppat“ und beenden es nur, weil wir vor Lachen keine Luft mehr bekommen.

Ich mache mit beim Federlesen.

Diese Feder da, sage ich, die ist tschechisch. Und diese da österreichisch. Und diese da, ja, was ist diese eigentlich für eine? Sieht irgendwie tschechisch aus. Aber dann doch nicht. Und diese da? Diese ist doch – nein. Die ist nicht österreichisch. So sieht keine österreichische Feder aus. Die tu ich weg. Die färb ich um. Für eine tschechische ist die aber, ist sie zu - zu wenig tschechisch. Die versteck ich. Die rupf ich aus. Und die und die und die auch. Aber ausrupfen – nee. Ich versteck sie lieber. Unter den echten drunter. Aber wo sind die bloß?

Und „der Papagei […] schnarrt und knarrt und kreischt: Du dummer, kleiner Bunter du!“ Ein Vogel? Nie und nimmer! Kein Vogel, nein. Was denn? Irgendein buntes Ungetüm. Aber ein Vogel? Nein. Nein, nein, nein. Ein Hund? Schon gar kein Hund! Dazugehören? Nur ohne diese Federn. Die da, die sind falsch.

Die blond-blauäugigen. Also wenn du die behalten könntest. Das wäre was. Behalt die doch. Du behältst sie doch, oder? Was? Nein? Aber wie soll denn dann, also, wie soll ich dann, also, wie soll das dann bitteschön, also - ?


Kateřina Černá — geboren 1985 in Česká Lípa (Tschechien), lebt in Graz.
Studium der Slawistik in Graz, Prag und Odessa und Szenisches Schreiben in Graz.
Schreibt Theatertexte, Prosa, Essays und Sprachminiaturen. Leitet Schreibwerkstätten für in Österreich Neuangekommene.