26. Oktober 2016 — Demagogie

„über dem narbengelände / das langsam verschwindet / so nur phantomschmerz bleibt“
Einstürzende Neubauten - Die Befindlichkeit des Landes

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Schreibtisch im Herbst — c Thomas Köck

Wen kümmert's eigentlich wirklich heute noch, wer jetzt schon wieder spricht?, fragt einer sich und schaut ins Land hinein.

Hauptsache irgendjemand spricht, sagen ein paar im Vorübergehen, Hauptsache ist doch, nur nicht schweigen, Hauptsache ist doch, dass die Spalten in der Zeitung zum Aufregen anregen, dass Quoten explodieren am Horizont und Drohnen und Erfolge fröhlich über den herbstlichen Himmel tanzen, den dunkelblaufarbenen, in den wir unentwegt hineinstarren auf der Suche nach der Welt. Hauptsache ist doch, sagen die im Vorübergehen, dass etwas generiert wird, Meinungen zum Beispiel, aber die hat ja ein jeder und die kann ja ein jeder, da wären Emotionen dann schon besser, die hocken felsenfest in unseren Überzeugungen drin, wo die Argumente fehlen, dort gibt irgendwann der emotionale Steinbruch ungeniert unter uns dann nach. Wo uns vor lauter Sprechen irgendwann Argumente verschütt' gehen, bleiben die Emotionen über. Felsenfest sind die mit unseren Überzeugungen verwachsen, felsenfest liegen die da im eigenen Sediment drin festgekrallt, um dann am Ende, wenn alle Überzeugungen endgültig eingestürzt sind, vom Beben hier im täglichen Spektakel, das jeden Tag eine neue Sensation braucht, sich ganz ungeniert zu regenerieren.

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Schreibtisch im Herbst mit Teekanne — © Thomas Köck

Frisch heraus generiert, tritt da ganz ungeniert ein neuer Souverän hervor, emotional und beleidigt, weil um ihn rum nur mehr noch Trümmer jetzt von Überzeugungen, weil alles einfach angefochten wird, solange bis alles irgendwann in sich zusammenstürzt. Und oben drüber sitzt er dann, totgeglaubt und totgesagt, frisch verwirrt ganz ungeniert, der neue Souverän, unfähig sich ein Bild zu machen, weil man die Sprache vollends zertrümmert hat, und haut schon in die Tasten, völlig meinungslos, dem Rest vom eigenen Emotionssediment hier ausgeliefert, weil ihm tagein tagaus erklärt wird, wie neuerdings man wieder hier belogen wird, betrogen wird, wie alles anzufechten ist, wie ständig er verkauft wird, und schon hört man die Klicks ganz ungeniert hier steigen, sagen die im Vorübergehen, spürt, die eigene Emotion wird geteilt, multipliziert und ins Unendliche hinausgeneriert, spürt wie da was in Wallung kommt, was lange unterdrückt war und schon haut ungeniert hinein man in die Tasten, freut sich, weil längst die Argumente ja verschütt‘ gegangen, erschlagen längst vom Meinungssteinbruchshitstorm, dass man endlich wieder einmal sagen darf, was sich lang schon hat aufgestaut. Ganz ungeniert generiert man sich hier, von einem Unschuldigen moderiert, als Emotion, die ungeniert Klicks generiert, dank Unerhörtem, Unkorrektem, Umgedrehtem und Verdrehtem, zur Not auch schlichtweg Ausgedachtem, und im besten Fall frei Erfundenem, das widersetzt sich nämlich einem jeden Einwand, den man im Tippen schon verspürt. Deshalb, fragt einer sich, wen kümmert's eigentlich wirklich heute noch, wer jetzt schon wieder spricht?

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Schreibtisch im Herbst mit Tastatur — © Thomas Köck

Black mirror, mirror on the wall, tell me where them bombs will fall? Hass spricht, schreien erbost jetzt die im Vorübergehen. Hass spricht, wird uns vorgeworfen, dabei wollen wir nur informieren, dabei, so klagen wir im Vorübergehen, wollen wir nur aufdecken, ganz demokratisch, stellen wir uns hinter sämtliche Institutionen und klagen sie solange an, bis sie verwirrt zusammenbrechen, und ja, versprochen, ja, auch dort, machen wir das ganz im Rahmen der Verfassung: Wer uns belangt, der wird verklagt; so läuft halt unser Spiel, wir dürfen klagen und verklagen, für uns allerdings gelten die Klagelaute im Verfassungsrahmen nicht, den wir außer Kraft setzen, um den Souverän zu entsetzen. Bei uns verwischt die Macht, die einsetzende und die entsetzende. Die wird eingesetzt um zu entsetzen, den Verfassungsrahmen vor allen Dingen, den setzen wir gekonnt hier ein, um ihn ein ums andere Mal wieder zu entsetzen. Ja, wir setzen die Verfassung ein, um sie auszusetzen, skandieren die im Vorübergehen. Sowas muss man erstmal schaffen, und das vor aller Augen, mitten in der Öffentlichkeit stehend, so wahr mir Gott helfe, sagen wir und klagen die Verfassung an, im Schutze der Verfassung.

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Schreibtisch im Herbst mit Schlüsselband — © Thomas Köck

Sowas schafft nur ein wahrer Souverän, wie wir, das Gesetz mit sich selbst zu konfrontieren, die Leerstelle aufzudecken am Grund der Verfassung, an die wir uns nicht halten, waschechte Nationalpatrioten, die wir sind, die sich mit Ortstafeln Verfassungsrichtern widersetzen, die eh nur „weltfremde Lemuren“ sind, „die nicht wissen, was mein Volk denkt!“1, die „vorverlegte Faschingsentscheidungen treffen“2, die „Oberabräumer“3, mit seltsamen auffälligen Namen. Woher kommen die Richter eigentlich und vor allem in welcher Generation? Das würde uns interessieren. Wurden die überprüft? Nein, wirklich, wir sind der Staatsschutz eigentlich, der außerhalb des Gesetzes sich gern positioniert, oder im Randbereich zumindest, dort fühlen wir uns heimisch, in den Randgebieten der Verfassung, den leeren Stellen, den dunklen Nischen, den Rändern, den demokratischen, den Schmerzgrenzen des Sozialen, an die wir uns ja nicht gebunden fühlen, wir Nationalpatrioten, die über dem Gesetz und außerhalb dort stehen, als wahrer Souverän, als neue Mitte, verklagen wir alles, was unserer gefühlten Verfassung sich widersetzt, bis eine jede Institution in Trümmern liegt, vom Rand herabgezogen tief ins Sediment hinein,

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Schreibtisch im Herbst mit Maus — © Thomas Köck

aus dem wir Totgesagten endlich wieder heraus uns jetzt erheben, als neuer, wahrer, überzeitlicher, dem Einheitssprech verfallener Souverän, die Tarnuniform kann dann endlich weg, die von der Verfassung jetzt, der niedlichen, von diesem künstlichen Staat, wie wir zu klagen pflegen, verordnete, die hat uns eh nie wirklich gut gepasst, diese Uniform, auch dort sprengen wir seit Jahren schon den Rahmen, damit später dann, dort aus den Trümmern, Rissen, Fetzen, Lumpen, die wir schon einmal weggeräumt, ein neuer, alter Souverän, nationalpatriotisch sich erheben kann, dank der Gesetzeskraft, der grundlosen, die wir solange in die Irre schicken, bis sie wild um sich schlägt, bis sie überall einen Ausfall, ein Entsetzen, einen Regelbruch erkennt, bis sie selbst, die Verfassung, sich als Regelbruch endlich erkennt, entsetzt vor sich zurückschreckt, an nichts mehr sich gebunden fühlt, solange treiben wir hier dieses Spiel und schicken alle in die Irre, im Rahmen der Verfassung selbstverständlich, innerhalb ihrer Phantomschmerzgrenzen, die wir ja seit Unzeiten beklagen, die Phantomschmerzen, in der Verfassung drin, die wir deshalb einfach auch nicht akzeptieren, dieses Labyrinth, dieses historische, aus dem heraus der Hass endlich wieder frei sprechen soll, sagen ein paar jetzt im Vorübergehen, den wir ja immer aufmerksam moderieren, den Hass, den generierten, ungenierten, unmoderierten, der sprechen soll, laut, endlos, wild, klagend so wie wir, schreien sie jetzt wehleidig, black mirror, mirror on the wall, tell us, where them bombs will fall?

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Schreibtisch im Herbst mit Bauholz — © Thomas Köck

Deshalb, wen kümmert's eigentlich heute noch, wer jetzt schon wieder spricht? fragt einer jetzt auf einem Fenstervorsprung, und schaut hinab in das Labyrinth des Hasses und die Phantomschmerzen, die klagenden, die im Vorübergehen, die schauen zurück und schreien ihn an, die schreien, spring doch, wir sind doch eh nur Worte, schreien, spring doch endlich, die Phantomschmerzen schreien den an jetzt, den Fenstersimshockenden, schreien, wir stehen am Rande der Verfassung, eigentlich außerhalb, fühlen längst uns nicht mehr irgendwie gebunden, abgetrennte Glieder, die außerhalb des Gesetzes neu sich jetzt verbinden. Wer fühlt sich heute überhaupt noch an Weisungsrechte zum Beispiel gebunden? Über die setzen wir uns klagend und pfeifend längst hinweg, solange, bis wir das Spiel hier gewonnen haben, solange pfeifen wir unsere eigenen Elfmeter, egal, was die Verfassung pfeift, wir pfeifen lauter, wir klagen uns zurück, wehklagend, wie die Totgesagten aus den Trümmern, den verfassungstechnischen, und schreien, wir verletzen niemanden, wir sprechen nur, wir meinen das bekanntlich nicht einmal so, wenn uns wer fragt, dann war das ja nie so gemeint, um Himmels Willen, nein, das war ein blöder Witz, dass der unter die Straßenbahn sich legen soll, dass wir längst drüber gefahren wären, Hass spricht, soviel steht fest, aber wir nicht, wir sprechen nicht, wir zitieren nur. Black mirror, wir zitieren nur den Bildschirm unter uns, in den hinein wir starren, auf der Suche nach der Welt, Hass spricht, aber wir nicht, wir rufen nur, rufen den an, göttlich, nehmen wir den in Anspruch hier, mit unserer göttlichen Stimme außerhalb des Gesetzestextes, schreien die im Vorübergehen.

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Schreibtisch im Herbst mit leichtem Schaudern — © Thomas Köck

Wir rufen den an, göttlich, das ist ja hier und jetzt nur unsere Meinung und sonst nichts, unsere göttliche, die außerhalb des Verfassungsrahmens spricht, göttlich, wir sind doch für die Sprache hier nicht verantwortlich, die wird doch moderiert, die ist doch moderiert, die ist nicht von uns generiert, die haben wir doch nur zitiert, aber dann doch schon moderiert, ganz ungeniert hier moderiert, sind wir für die Sprache und ihre Folgen einfach nicht verantwortlich, und für ihre Verfassung sowieso nicht, in welcher Verfassung ist die überhaupt, die Sprache, das wär anzuklagen, wir sind doch hier die eigentlichen Opfer, der Sprache nämlich, die vom Verfassungsrand als Phantomschmerz zu uns herüberschießt und schreit spring doch endlich, spring doch, spring doch, jetzt spring endlich!

Black mirror, mirror on the wall, tell me, where them bombs will fall.

1 zeit.de/2002/15/Defekte_Demokratie/seite-4
2 wasi.org/fpoe/haider_attacken.txt
3 derstandard.at/846359/Adamovich-Haider-Kritik-total-absurd


Thomas Köck — geboren 1986 in Oberösterreich, arbeitet als Autor, Film- und Theatermacher. Studierte Philosophie in Wien und an der FU Berlin sowie Szenisches Schreiben und Film an der UdK Berlin. Mit einem Dokumentarfilmprojekt über den libanesischen Bürgerkrieg eingeladen zu Berlinale TALENTS sowie nominiert für den Filmförderpreis der Bosch Stiftung. Konzipierte Lese- und Veranstaltungsreihen in Wien, Berlin und Mannheim. War Hausautor am Nationaltheater Mannheim und erhielt u.a. den Else-Lasker-Schüler-Preis, den Dramatikpreis der österreichischen Theaterallianz oder zuletzt den Kleist-Förderpreis.

→ http://www.suhrkamp.de/autoren/thomas_koeck_14263.html