14. September 2016 — Demokratisierung

In letzter Zeit werden sie also wieder hochgehalten, die Werte. Gerade noch sind sie alternativlos ins Bodenlose hinabgerutscht, wurden sie auf die inflationäre Achterbahn gesetzt, wurden sie in Hochfrequenz miteinander gehandelt, in die endlose Zirkulation gesteckt, durchgeschleudert, multipliziert, auf Talfahrt geschickt und dereguliert und jetzt will man sie aber endlich wieder zurück, die Werte, sichere Werte, eigene Werte, einfache Werte.

Nationale Werte, europäische Werte, heimatliche Werte, familiäre, gesellschaftliche, soziale, ideelle Werte, nur ist von dem ideellen nichts mehr drin in den Werten, das ideelle ist der Inflation aller Werte auf allen Ebenen zum Opfer gefallen. Blöd gelaufen, zumindest für die Werte, die jetzt alle frei laufen, ohne Ziel und Zweck und Sinn und ohne Ideal, aber zumindest laufen sie und produzieren Mehrwert. Hauptsache der Fortschritt bleibt gewährleistet, wenn schon sonst nichts, dann ist zumindest das unser oberster Wert, der Fortschritt, der an den Grenzzäunen allerdings ein Ende haben muss, zumindest der menschliche Fortschritt, der ökonomische kann durch, so wollen es zumindest die neuerdings ausgerufenen europäischen Werte.

Überall Werte endlich wieder. Eine Inflation, ja eigentlich eine Deflation aller Werte. Wohin mit all den Werten auf der begrenzten Welt. Eine Hyperdeflation, zuviel Werte, die sich am Markt gegenseitig in die Quere kommen. Kein Wunder, dass am Ende nicht alle Werte ihren Fortschritt haben können, sondern nur die Werte, die sich behaupten können. Also schreibt man sie auf Fahnen, man schmückt Fenster, Rückspiegel, Autoantennen, man malt sie in Gesichter, hin und wieder schreit man sie auch in andere Gesichter, ja hin und wieder, da stellt man sich auf das Podest und fordert die Werte zurück, von solchen, die ja bekanntlich gar keinen Wert mehr haben, die sollen auch keinen haben dürfen. Herein darf, wer sich den Werten unterwirft, denen wir uns ja auch längst schon unterworfen haben, schreit man fahnenschwingend ins Gesicht vom Nachbarn hinein, die bekanntlich von den eigenen Werten keine Ahnung haben und überhaupt gibt es Nachbarn nur, um die eigenen Werte zu erhöhen, vorher haben die Werte leer durchgedreht, jetzt dreht die Masse leer durch, verstört und verängstigt, noch den Nachgeschmack vom kollektiven Wertverlust auf der Zunge.

Und dabei weiß eigentlich kein Mensch so genau, wo die Werte eigentlich herkommen. Wachsen tun sie natürlich nicht einfach so im Boden, zumindest nicht in dem marodierten, desertifizierten, ausgetrockneten, wertlosen Boden, in irgendeinem Draußen, der wurde vorher defloriert und im Anschluss inflationiert. Ohne Moos nix los, schreien die Anleger und ohne Öl und andere Rohstoffe verliert auch dieser Boden wert, schreien die Anleger und schicken wieder ein Land auf Talfahrt, weil so ist das mit der Natur des Marktes, auf diesem erodiertem Output Gap hier ist kein Fortschritt mehr möglich, zumindest nicht für uns, wer hier geboren wurde, andererseits, der soll hier bleiben und dafür sorgen, dass wir bald wieder zurückkommen, dann kommen wir mit nachhaltigen, wertvolleren Projekten, versprochen, schreien die Anleger, wir finden schon etwas, um noch mit dem wertlosesten Boden Wert zu produzieren, damit der Output länger, tiefer, nachhaltiger gewährleistet werden kann.

All die Werte, die man vorher froh war, abgeschafft zu haben, sie kriechen jetzt wieder aus den erodierten Output Gaps hervor. Und alle wollen sie herrschen, aber worüber? Über eine wertlose Gesellschaft?

Viel eher schon scheinen die offensichtlich momentan herrschen wollenden Werte solche zu sein, die vom drohenden Wertverlust produziert worden sind. Angst vor dem Verlust des Eigenen, des Nationalen, des Heimatlichen, des Verlusts, Angst vor dem Verlust von Werten. Angst vor dem Wertverlust ist das kribbelnde Gefühl, das einen jeden Fondsmanager auf seinen deregulierten Märkten begleitet, weil es jetzt höher als je zuvor hinauf- und tiefer als je zuvor hinabgeht. Und diese deregulierte, unkontrollierbare ökonomische Naturkraft wandert über die statistischen Gebirge auf die Konten, die längst schrumpfenden Spareinlagen, die niedrig bleibenden Zinserträge, wandert über die wertlosen Müllsümpfe vor den Toren riesiger Slums, wandert nach Agbobloshi, wo der letzte noch mögliche Rest von kaputten Kühlschränken von Kinderhänden ausgepresst wird, wandert über einen in der Wüste stehenden Panzer, ein Geier sitzt darauf und pickt sich Körner aus dem Gefieder, wandert über einen zerbrechenden Begriff, wandert frei jetzt endlich, ohne Sinn und Wert und Zweck und Ziel, wandert als nacktes Überleben jetzt, diese ökonomische Naturkraft, die einmal menschlich war, in Fetzen nur mehr noch gehüllt, wandert bis rein in die hinterletzten Wohnzimmer am Ende als Bilder von einer Welt, die so nicht mehr funktioniert, eine erodierte, marode, ausverkaufte, hässliche, längst desertifizierte Welt, und reißt ihr Maul auf, wertlos, hungrig, hysterisch, starrt sie dich an, panisch, von Konkurrenz am globalen Fleisch- und Wertmarkt getrieben und fragt: Wer will an Bord, wer kommt noch mit? Wertlos die Welt längst, heimgesucht von Werten. Draußen die verbrannten, drinnen die ausgebrannten.


Thomas Köck — geboren 1986 in Oberösterreich, arbeitet als Autor, Film- und Theatermacher. Studierte Philosophie in Wien und an der FU Berlin sowie Szenisches Schreiben und Film an der UdK Berlin. Mit einem Dokumentarfilmprojekt über den libanesischen Bürgerkrieg eingeladen zu Berlinale TALENTS sowie nominiert für den Filmförderpreis der Bosch Stiftung. Konzipierte Lese- und Veranstaltungsreihen in Wien, Berlin und Mannheim. War Hausautor am Nationaltheater Mannheim und erhielt u.a. den Else-Lasker-Schüler-Preis, den Dramatikpreis der österreichischen Theaterallianz oder zuletzt den Kleist-Förderpreis.

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